Weltläden in Deutschland – Seit 30 Jahren fair im Geschäft
Die Kritik an den ungerechten Strukturen des Welthandels führte 1967 in den Niederlanden zur Gründung der ersten Handelsorganisation für Fairen Handel. 1968 öffnete dort der erste Weltladen seine Türen. Bald wurden auch in Deutschland engagierte Jugendliche auf die Idee aufmerksam und importierten sie. Als „Dritte-Welt-Laden“ oder „Eine-Welt-Laden“ etablierten sich im Laufe der Jahre in vielen Städten kleine Geschäfte, die Lebensmittel und andere Produkte aus fairem Handel verkauften. Heute blicken die etwa 700 Weltläden in Deutschland auf eine rund 30-jährige Entwicklung zurück – und sind eine wichtige Stütze des Fairen Handels.
Etwa 1970 wurden die Gruppen in Deutschland aktiv im Fairen Handel. Vor allem aus christlichen Jugendbewegungen entstanden Aktionsgruppen, die diese alternative Handelsform auch hier verwirklichen wollten. Auch in Kreisen der politisch aktiven Studentenbewegungen interessierte man sich zunehmend für die Idee. Da es faire Handelsstrukturen zunächst nur in den Niederlanden gab, wurden die Waren dort eingekauft. In Deutschland wurden sie auf Basaren, Festen, Märkten und bald auch in festen Geschäften weiterverkauft. Als Dachorganisation der deutschen Weltläden wurde 1975 die Arbeitsgemeinschaft Dritte Welt Läden (AG3WL) gegründet. Wie die kirchlichen Organisationen wollte auch die AG3WL eine deutsche Import- und Handelsorganisation für Fairen Handel schaffen. Gemeinsam mit dem Bund der deutschen katholischen Jugend, der Arbeitsgemeinschaft evangelische Jugend, dem Kirchlichen Entwicklungsdienst und Misereor gründete der Dachverband AG3WL 1975 die „Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt“, die heute als gepa GmbH das größte Fairhandelsunternehmen Europas ist.
Die Dachorganisation der Weltläden nennt sich seit 1998 „Weltladen-Dachverband“. Waren bei seiner Gründung ganze neun Läden Mitglied, vertritt er heute 410 der über 700 deutschen Weltläden. Der Dachverband ist für sie Dienstleister und politische Stimme. Er organisiert für die Mitglieder Fortbildungen, bietet Beratung in Fragen der Betriebsführung und des Marketings, konzipiert und organisiert handelspolitische Kampagnen und sorgt nicht zuletzt für einen gemeinsamen Auftritt der Weltläden in der Öffentlichkeit. Denn ungeachtet der großen Unterschiede in ihrer Geschichte, Struktur oder Größe sind Weltläden alle Teil eines grundsätzlich anderen (Welt-) Handels. Neben ihrer Spezialisierung auf Waren aus fairem Handel arbeiten und wirtschaften sie nach Kriterien, die sich deutlich vom herkömmlichen Geschäftsgebaren unterscheiden.
Im Mittelpunkt des Fairen Handels stehen die Menschen und ihre elementaren Bedürfnisse. Seine Qualität besteht nicht nur in der Hochwertigkeit der gehandelten Produkte, sondern vor allem in sozialen Arbeitsbedingungen, in Handelskonditionen, die dazu beitragen, die Existenz der Produzenten zu sichern und im Respekt für Mensch und Umwelt. Höhere Erlöse für die Produzenten, Vorfinanzierung der Produktion/ Ernte und die finanzielle Förderung sozialer Verbesserungen unterscheiden ihn vom „Normal-Handel“.
Non-Profit Weltläden haben nicht das Ziel, größtmögliche Gewinne zu erwirtschaften. Sie sehen sich vielmehr als wichtiger Absatzweg für fair gehandelte Produkte. Der Verkauf dieser Waren sichert zahlreichen Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika die Existenz und ermöglicht ihnen ein menschenwürdiges Leben. Ziel ist es, diesen Absatzweg langfristig zu erhalten und auszubauen. Die Profite der Weltläden werden daher nicht privatisiert, sondern für Maßnahmen ausgegeben, die den Fairen Handel in den nachfragenden Ländern stärken. Das können der Ausbau des Ladens sein oder Informationsveranstaltungen. Die Fortbildung der Mitarbeiter sowie Marketingmaßnahmen werden so ebenfalls finanziert.
Mitbestimmung Weltläden werden von Gruppen geführt. Nicht ein einzelner Geschäftsführer entscheidet über die Belange des Ladens, sondern eine Gruppe engagierter Menschen. Noch immer ist die Mehrzahl der Mitarbeiter in den Läden ehrenamtlich tätig, auch wenn zunehmend Hauptamtliche eingestellt werden können. In jedem Falle werden die Geschäftsentscheidungen gemeinsam und demokratisch getroffen.
Informations- und Bildungsarbeit Ein wichtiger Teil der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit ist die Aufklärung über bestehende Probleme und mögliche Lösungen. Weltläden haben daher den Auftrag, ihre Kunden und die Öffentlichkeit über die Strukturen und Folgen des Welthandels zu informieren. Sie haben damit eine wichtige politische Bedeutung. Durch die Information über die Strukturen des Welthandels oder die Ernährungssicherheit sprechen sie ihre Kunden auch als Teil einer politischen Struktur an. Indem sie für die Zusammenhänge im Welthandel und Alternativen sensibilisiert werden, wird der Grundstein für ein faireres Handeln gelegt. Grundlage für eine echte Partnerschaft im Fairen Handel der Weltläden ist die Kontinuität der (Handels-) Beziehungen: Sie schafft die Verlässlichkeit, die der Welthandel nicht bietet. Kontinuität zeigt sich etwa in langfristigen Lieferverträgen, intensiver Beratung zur Weiterentwicklung von Produkten oder interner Weiterbildung auf allen Ebenen. Auf dieser Grundlage arbeiten die Weltläden seit es sie gibt – die Anforderungen an ihre Arbeit sind in dieser Zeit jedoch stetig gewachsen. Mit der Ausweitung des Fairen Handels sind auch seine globalen Strukturen deutlich komplexer geworden. Die Nachfrage nach fairen Produkten steigt, die Sortimente wuchsen und nicht zuletzt stellen heute die Konsumenten andere Anforderungen an die Geschäfte. Um heute im Einzelhandel bestehen zu können, ist ein hohes Maß an Qualifikation und Professionalität nötig. Mund-zu-Mund-Propaganda reicht für die Kundengewinnung nicht mehr aus und auch von Stammkunden allein kann ein Geschäft nicht leben. Um den Fairen Handel zu fördern, mehr Menschen für fairen Konsum zu gewinnen und so letztlich den Absatz und die Wirkung dieses Handelssystems auszuweiten, brauchen die Weltläden neue Geschäftskonzepte.
Zukunftsmusik Lange Zeit hatten die Städte im wahrsten Sinne des Wortes „ihren Weltladen“. In einigen war er sehr politisch, in anderen eher christlich, wieder woanders ausschließlich dem Fairen Handel verpflichtet. Die Stimmung zwischen Belegschaft und Kunden war vielfach familiär und die Läden lagen in Vierteln, wo auch die Mitarbeiter und Stammkunden wohnten. Lange war diese Vielfalt ein Erfolgsfaktor, doch inzwischen wandelt sich das Bild. Weltläden ziehen etwa in stärker frequentierte Innenstädte um. Elektronische Zahlungssysteme halten Einzug und immer mehr Läden haben eigene Internetadressen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Ein zentraler Standort erschließt neue Kundenschichten, längere und gleichmäßigere Öffnungszeiten machen ein Geschäft für Laufkundschaft interessant, die Möglichkeit zur Kartenzahlung ist Kundenservice und mit eigenem Internetauftritt erschließen sich neue Möglichkeiten der Information und Werbung. Der Weltladen-Dachverband unterstützt diese Bemühungen seit diesem Jahr gezielt mit dem Qualifizierungsprogramm „Weltladen 2006“. Das Programm ist ein wichtiger Teil des Maßnahmenpakets zur Förderung des Fairen Handels in Deutschland, Teil der Informationskampagne „fair feels good.“ und den Bemühungen von TransFair zur Einführung neuer Produkte. Im Rahmen von „Weltladen 2006“ erhalten die Geschäfte Hilfe bei der Standortanalyse, der Ladengestaltung und der Einrichtung von Computersystemen zur Kommunikation und Logistik. Eine Imagekampagne soll zudem den Begriff „Weltladen“ als Marke etablieren und positive Assoziationen schaffen. Ein Kreditprogramm wird Neustartern den Aufbau eines Weltladens erleichtern. Auf diese Weise soll ein dichtes Netz moderner Weltläden entstehen, die in Gestalt und Arbeitsweise ihrer Funktion als Fachgeschäfte des fairen Handels gerecht werden.
Zwar sind fair gehandelte Produkte heute auch im Versandhandel, in Bio-und Naturkostläden und in Supermärkten zu beziehen. Als Fachgeschäfte sind die Weltläden jedoch weiterhin unerlässlich. Sie punkten vor allem mit ihrem Sortiment. Nur in Weltläden finden Verbraucherinnen und Verbraucher die ganze Palette des Fairen Handels: Lebensmittel, Kunsthandwerk, Textilien, Gebrauchsgegenstände, Musikinstrumente und Spielzeug. Im Weltladen haben Sie auch eine breite Auswahl innerhalb einer Produktgruppe. Und was im Supermarkt ein kleines Zeichen auf der Verpackung ist, übernehmen im Weltladen die Mitarbeiter: Kunden erhalten ausführliche Informationen über die Produkte, ihre Herkunft, die Projekte, aus denen sie kommen und den (handels-) politischen Hintergrund. Diesen entscheidenden Vorteil fasst Markus Frieauff, beim Weltladen-Dachverband unter anderem für „Weltladen 2006“ zuständig, mit einem Satz zusammen: „Im Weltladen stehen die Produkte aus fairem Handel nicht stumm im Regal. Der Weltladen erzählt ihre Geschichte und ihre Geschichten.“
Der Faire Handel ist ein wirksamer und wichtiger Ansatz der Entwicklungszusammenarbeit. Respekt gegenüber den Handelspartnern, ehrliche, faire Preise und die Förderung nachhaltiger Produktionsmethoden sollten allerdings die Regel und nicht die Ausnahme im Welthandel werden. Doch der Absatz in den Industrieländern bestimmt, was und wie viel unter fairen Bedingungen erzeugt werden kann. Fair gehandelte Produkte sollten also in Zukunft ganz selbstverständlich in den Einkaufskörben aller Verbraucherinnen und Verbraucher landen. Dazu ist es aber notwendig, dass Weltläden ebenso selbstverständlich Teil des Einzelhandels sind. Sie müssen da sein, wo die Kunden sind und ihnen den gleichen Service bieten wie andere Geschäfte. „Es wäre eine gute Entwicklung, wenn in jeder Innenstadt künftig ein Weltladen zu finden ist, wenn der Stand mit dem Orangensaft im Einkaufszentrum von einem Weltladen betrieben wird oder die Geschenkartikel im Hauptbahnhof vom Weltladen verkauft würden“, so Georg Abel für die VERBRAUCHER INITIATIVE. Die Weltläden haben also noch einiges an Geschichte vor sich.
Einen Weltladen in Ihrer Nähe finden Sie in der Weltladendatenbank von www.fair-feels-good.de. Und im öko-fairen Branchenbuch von www.oeko-fair.de. Mehr Informationen über den Weltladen-Dachverband und seine Aktivitäten stehen Ihnen auf www.weltladen.de zur Verfügung.
Autorin: Laura Groche Artikel entnommen aus Verbraucher konkret 3/2004
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