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Umweltgifte mit hormoneller Wirkung

1990 veröffentlichten der „World Wildlife Fund Canada“ (WWF) und das „Institute for Research on Public Policy“ eine Studie über Störungen des hormonellen Gleichgewichts und der Fortpflanzungsfähigkeit bei 16 Tierarten des Gebiets der großen Seen in den USA.

In den betroffenen Tierarten, u.a. Beluga-Walen, Forellen, Nerzen, Schildkröten und Möwen, wurden erhöhte Konzentrationen von Pestiziden und Industriechemikalien nachgewiesen. Säugetiere und Reptilien litten unter Mißbildungen sowie Störungen des Immunsystems, des Stoffwechsels, des Verhaltens und der Fortpflanzungsfähigkeit.

Der Vergleich der beobachteten Effekte mit den gemessenen Schadstoffkonzentrationen und tierexperimentellen Daten ließ darauf schließen, dass die Entwicklung der Ungeborenen bereits durch Spurenkonzentrationen von Organochlor-Pestiziden, Dioxinen und den Weichmachern polychlorierte Biphenyle (PCB) beeinträchtigt wurde.

Auch in Europa stehen Pestizide und Industriechemikalien im Verdacht, das Immunsystem, die sexuelle Entwicklung und die Fortpflanzungsfähigkeit von Säugetieren, Fischen und Vögeln zu beeinträchtigen. Eine Studie des WWF macht z. B. die hohe Belastung der Tiere mit PCB und Organochlor-Pestiziden für den Rückgang der Otterpopulationen in Großbritannien mitverantwortlich (Mason & Macdonald, 1993). Meeressäuger, die am Ende der marinen Nahrungskette stehen, sind besonders stark betroffen, da sie in hohem Maße Organohalogenverbindungen und andere Schadstoffe anreichern.

In äquatischen und terrestischen Ökosystemen (im Wasser und an Land) sind die Organismen immer komplexeren Stoffgemischen ausgesetzt, deren Wirkungen sich gegenseitig aufheben, summieren oder potenzieren können. Daher ist es oft schwierig, Einzelstoffe als Verursacher der beobachteten Effekte zu ermitteln.

TBT
Die Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen den Einträgen von Tributylzinnverbindungen aus Unterwasseranstrichen der Schiffe und Scheinzwittrigkeit bei Wasserschnecken, z.B. der Nordischen Purpurschnecke, ist dagegen eindeutig belegt (WHO, 1990). Im überwiegenden Teil der untersuchten Gebiete in der Nordsee entwickelten weibliche Purpurschnecken ausgeprägte männliche Geschlechtsorgane. Diese als Imposex bezeichnete Scheinzwittrigkeit verhindert im fortgeschrittenen Stadium die Eiablage. Die resultierende Verminderung der Fortpflanzungsfähigkeit hat einen katastrophalen Einfluß auf die Populationen in der Nordsee.

Gesundheit gefährdet
Die Bedeutung der Erkenntnisse über hormonell wirksame Umweltchemikalien für die menschliche Gesundheit ist zur Zeit schwer abzuschätzen. Anlaß zu Besorgnis geben:

  • die weltweit in verschiedenen Industriestaaten gesunkene Spermienzahl und Spermienqualität;
  • die steigende Häufigkeit von Krebserkrankungen der Brust, der Prostata und der Hoden;
  • die zunehmende Zahl der Veröffentlichungen über chemikalienbedingte Störungen der Fortpflanzungsfähigkeit bei freilebenden Tierarten und bei Versuchstieren;
  • die mangelnde Vorhersagbarkeit hormoneller Wirkungen von Umweltchemikalien und die fehlenden Prüfvorschriften im Rahmen des Chemikalienrechts;
  • die Pestizide, Schwermetalle, halogenierte Kohlenwasserstoffe und Lösemittel, die über die Haut und vor allem über die Atemwege in den menschlichen Körper gelangen;
  • die hohe Belastung des menschlichen Fettgewebes mit PCB, polychlorierten Dioxinen und Organochlorpestiziden über Nahrungskette;
  • die Blei- und Cadmiumbelastungen, die nach Einschätzung des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung ein kritisches Ausmaß erreicht haben;
  • die große Anzahl von hormonell wirksamen Masthilfen, Industriechemikalien und Pestiziden, die die Trinkwasserressourcen, die Nahrungsmittel, die Außen- und Innenraumluft verunreinigen;
  • die hohen Konzentrationen von PCB, polychlorierten Dioxinen/Furanen und Organochlorpestiziden in der Muttermilch.


Epidemiologische Studien sind grundsätzlich kaum dazu geeignet, Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu beweisen, sie können nur ein Risiko mathematisch beschreiben. Der Nachweis eindeutiger Zusammenhänge wird dann erleichtert, wenn die Zeitspanne zwischen chemischer Belastung und Effekt kurz ist (z.B. Sterilität männlicher Arbeiter nach Anwendung des Pestizids DBCP) oder die Art der Wirkung einzigartig oder selten ist, wie durch TBT ausgelöste Zwittrigkeit weiblicher Meeresschnecken oder der seltene Vaginalkrebs bei jungen Frauen, deren Mütter während der Schwangerschaft mit dem Arzneimittel DES (Diethylstilbestrol) behandelt wurden.

Es gibt natürlich eine Unsicherheit bei der Übertragbarkeit der Ergebnisse von Tierversuchen auf den Menschen. Aus Gründen der Gesundheitsvorsorge sind für solche Chemikalien, die im Tierversuch die Fruchtbarkeit schädigen, das hormonelle Gleichgewicht des Embryos stören und die Fortpflanzung beeinträchtigen, grundsätzlich die gleichen Schutzmaßnahmen zu ergreifen, wie für solche, für die diese Wirkung beim Menschen bereits nachgewiesen ist.

Was kann ich tun? – Tipps für Verbraucher
Jeder Einzelne kann zum Schutz der Umwelt und der eigenen Gesundheit beitragen.

  • Setzen Sie sich am Arbeitsplatz für den Ersatz gefährlicher Arbeitsstoffe durch unschädliche Werkstoffe ein.
  • Berücksichtigen Sie bei der Materialauswahl im Wohnbereich, dass Baustoffe, Fussbodenbeläge, Farben, Hölzer und Möbel wegen der verwendeten Materialmengen einen wesentlichen Einfluß auf die Innenraumluftbelastung mit Lösemitteln, Kunststoffbausteinen (z.B. Styrol), Kunststoffzusätzen (z.B. Blei, Phthalate) und Bioziden haben. Im Baustoffhandel gibt es inzwischen eine Vielzahl schadstoffarmer und umweltverträglicher Materialien. Dasselbe gilt für Farben und Holzbehandlungsmittel.
  • Durch den Verzicht auf PVC kann man die persönliche Belastung mit Weichmachern (Phthalaten) und die Verschmutzung der Umwelt mit Dioxinen und anderen chlororganischen Verbindungen vermindern.


Ökologisch wirtschaftende landwirtschaftliche Betriebe verzichten auf die Verwendung synthetischer Pflanzenschutzmittel. Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau sind zu bevorzugen, da sie weniger Pestizidrückstände enthalten als Nahrungsmittel aus konventionellem Anbau. Auch das Risiko hormon- oder antibiotikabehandeltes Fleisch zu kaufen, ist beim „Ökoschlachter“ geringer als im Supermarkt.

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