Agrarwende: Weitermachen!
Das einheitliche Biosiegel ist da. Doch noch finden Verbraucherinnen und Verbraucher nur wenige entsprechend gelabelte Produkte. Aktuell wird derzeit um ein Fleischsiegel gerungen. Ob und wann es kommt, steht jedoch in den Sternen. Einiges ist in diesem Jahr in Bewegung geraten. Vieles wäre noch vor einem Jahr undenkbar gewesen. Ein Situationsbericht.
Anfang September präsentierte Verbraucherministerin Renate Künast das mittlerweile markenrechtlich abgesicherte staatliche Bio-Siegel. Das Medieninteresse und die veröffentlichte Resonanz auf dem Event in Berlin waren riesig. Zur weiteren Verbraucheraufklärung soll eine bundesweite Bustour (25.10.- 23.11.) beitragen, auf der Konsumenten vor Ort über den Ökolandbau und das neue Gütezeichen informiert werden.
Auch die VERBRAUCHER INITIATIVE hat das neue Bio-Siegel begrüßt. Das neue Zeichen ist eine wichtige Voraussetzung für die Erweiterung des Marktanteils von ökologischen Lebensmitteln. „Von einem Erfolg aus Verbrauchersicht kann aber erst gesprochen werden, wenn dieses Zeichen auch massiv vom Handel und Erzeugern verwendet wird“, hieß es dazu in einer Presseerklärung.
Kritisch äußerte sich unser Bundesverband zu den Kriterien, die der EU-Bio-Verordnung entsprechen. Zwar ermöglicht ein Zeichen auf EU-Niveau, die wachsende Nachfrage nach Bioprodukten mit Ware aus dem Ausland zu befriedigen. Die qualitativ höherwertigen Produkte deutscher Biobauern geraten dadurch jedoch unter Preisdruck. Auch der wichtige regionale Aspekt als Teil der Agrarwende bleibt zumindest teilweise auf der Strecke. Die VERBRAUCHER INITIATIVE hat deshalb die Verbraucherministerin aufgefordert, sich für eine Anhebung des EU-Standards einzusetzen. Auch der BUND äußerte sich ähnlich, außerdem bemängelte der Umweltverband, dass das Öko-Kennzeichen keine Auskunft über das Ursprungsland des jeweiligen Produktes gebe.
Großes Interesse auch bei den Herstellern, die Siegelstelle hat „massiven Andrang“ zu verzeichnen, so eine Sprecherin des Ministeriums. Ein Fehler des Öko-Prüfzeichens/ÖPZ, die mangelnde Berücksichtigung des Siegels, scheint so vermeidbar zu sein. Das ÖPZ war der erste Versuch eines einheitlichen Gütezeichens in Deutschland und war u.a. am mangelnden Interesse von Herstellern, Handel und Ökoverbänden gescheitert.
Unterstützung
Unterstützung für die Agrarpolitik auf Bundesebene kam vom Aktionsbündnis Ökolandbau. 33 Organisationen aus Umweltschutz, Naturkosthandel, Kirchen und Gewerkschaften, darunter auch die VERBRAUCHER INITIATIVE, legten im August ein umfangreiches Papier vor. Die 32seitigen Agrarpolitischen Maßnahmen zur Ausweitung der ökologischen Landwirtschaft umfassen konkrete Vorschläge, wie das Ziel 20% Marktanteil ökologischer Lebensmittel bis 2010 erreicht werden kann.
Weniger begriffen wurde die Agrarwende offenbar in Brandenburg. Das Land sieht im Haushalt die Streichung von zwei Millionen Mark für die Beratungsförderung landwirtschaftlicher Betriebe vor. „Als eindeutige Fehlentscheidung der Landesregierung“ hat die VERBRAUCHER INITIATIVE dieses Vorgehen bezeichnet. Offenbar hat SPD-Landwirtschaftsminister Birthler die Zeichen der Zeit und die Notwendigkeit einer Agrarwende nicht verstanden. Statt mit Landeshilfe für regionale Produkte deren Wettbewerbschancen zu erhöhen und einen Beitrag zur Verbrauchersicherheit zu leisten, verschenkt die Landesregierung diese Chance.
Öko boomt
„Der Bio-Boom im Fachhandel kühlt sich zwar leicht ab, bleibt aber auf hohem Niveau stabil“, meldet das Fachmagazin Biohandel in seiner Oktoberausgabe. Der Großhandel des BNN Herstellung und Handel meldete für das 1. Halbjahr ein Umsatzwachstum von 306 auf 416 Millionen DM. Besonders hohe Zuwächse waren im Frischebereich zu verzeichnen, das Wachstum betrug hier plus 50%. Es wird aber zukünftig darauf ankommen, auch bei geänderter Nachrichtenlage dieses Niveau zu halten. In manchen Bereichen gab es zeitweise nicht genügend Produkte. So konnte in Berlin der Bedarf nach hochwertigen Produkten wie Fleisch und Gemüse aus der Region teilweise nicht befriedigt werden.
Ein Zeichen setzte auch ein Fastfood-Anbieter. McDonalds unterzeichnete Mitte August in Mecklenburg-Vorpommern eine Abnahmevereinbarung mit Bio-Landwirten, die damit zu den offiziellen Lieferanten des Gastronomie-Marktführers gehören.
Auch weltweit liegen Naturkost und Naturwaren im Trend. Obwohl der American Way of Life nicht gerade für ökologische Lebensführung steht, wuchs in den USA zwischen 1999 und 2000 der ökologische Markt um 10%. Zunehmendes Interesse wird auch aus Japan gemeldet, hier präsentiert sich im Dezember 2001 erstmalig die BioFach, die Weltfachmesse für Naturkost und Naturwaren.
Thema Fleisch
Das Thema BSE ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Damit ist allerdings das Problem nicht gelöst. „Angesichts von über 100 BSE-Fällen in Deutschland ist auch weiterhin Vorsicht beim Fleischkauf angesagt“, erklärt Brigitta Poppe, Vorstandsmitglied der VERBRAUCHER INITIATIVE. Vor diesem Hintergrund spricht sich die VERBRAUCHER INITIATIVE für die schnellstmögliche Einführung eines einheitlichen Gütesiegels für artgerecht erzeugtes Fleisch aus. Da beim Fleisch der Bio-Anteil sehr gering ist, ist es für Konsumenten besonders wichtig, dass sie konventionell erzeugtes Fleisch, das nach artgerechten Richtlinien und ohne Tiermehlverfütterung in Deutschland erzeugt wurde, erkennen können.
Um die Standards eines Fleischsiegels wird derzeit gerungen. Wie beim Bio-Siegel spielt hier die Frage der Richtlinien die entscheidende Rolle. Ein hochwertiges Fleischsiegel könnte den Erfolg des Bio-Siegels bedrohen und hätte bei wichtigen Verbänden wenig Chance auf Realisierung. Auf der anderen Seite ist ein Fleischgütezeichen, dass lediglich die gesetzlichen Standards – also Selbstverständlichkeiten – besiegelt, aus Verbrauchersicht abzulehnen. Spannend in diesem Zusammenhang wird der Umgang mit dem Thema Antibiotika in Futtermitteln sein. Hier geht es um ein Verbot, zumindest aber um einen schneller erreichbaren freiwilligen Verzicht.
Ausblick
Trotz mancher Kritik im Detail ist ein Aufbruch im jahrzehntelangen starren Segment der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik gelungen. Sicherlich Dank einer engagierten Politik auf Bundes- und Landesebene, aber vor allem weil Verbraucherinnen und Verbraucher mit ihrem Einkaufskorb Politik gemacht haben. Allerdings sind sieben Monate nach der BSE-Krise die Konsumenten weitgehend wieder zu den alten Einstellungs- und Verhaltensmuster zurückgekehrt. Dies ist das Ergebnis der neuen Studie Verbrauchereinstellungen zu Bioprodukten – der Einfluss der BSE-Krise, die der Lehrstuhl für Agrarmarketing der Universität Kiel jetzt vorlegte. Es bleibt also noch viel zu tun, um das große Ziel der Agrarwende zu erreichen.
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