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Vorschläge der VERBRAUCHER INITIATIVE E.V. für eine neue Agrar-und Verbraucherpolitik

BSE ist ein weiteres sichtbares Zeichen, dass die bisherige Agrar- und Verbraucherpolitik in Deutschland und Europa gescheitert ist.

Jetzt fordern Verbraucherinnen und Verbraucher die Agrarwende: Die Landwirtschaft muss in Zukunft nach den Grundsätzen der Nachhaltigkeit wirschaften. Für Lebensmittelproduktion und -handel muss Sicherheit oberstes Prinzip sein. Dabei gilt für alle Akteure das Verursacherprinzip: Wer einen Schaden verursacht, muss dafür Verantwortung übernehmen.

Der vorbeugende Verbraucherschutz muss Priorität vor der Schadensbekämpfung haben. Verbraucherpolitik muss vom Verbraucher aus gedacht werden. Die Verbraucherpolitik der Zukunft muss von der Bundesregierung als Querschnittsaufgabe verstanden werden. Diese Ansätze entsprechen den langjährigen ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Forderungen der VERBRAUCHER INITIATIVE für eine zukunftsfähige Agrar- und Verbraucherpolitik

Als Bundesverband kritischer Verbraucherinnen und Verbraucher sehen wir in der heutigen Situation auch eine Chance: Für eine nachhaltige Landwirtschaft. Für einen sinnvollen Einsatz der Subventionen. Für mehr Lebensmittelsicherheit und mehr Lebensmittelqualität. Wir fordern mehr Transparenz, damit mündige Verbraucherinnen und Verbraucher Verantwortung übernehmen können. Diese Chance für eine andere Agrarpolitik und eine bessere Verbraucherpolitik gilt es zu nutzen. Jetzt!>

Nachhaltigkeit als Leitbild der Agrarpolitik

Lebensmittelverarbeitung und Markt

Lebensmittelsicherheit
 

Nachhaltigkeit als Leitbild der Agrarpolitik

Die Intensivbewirtschaftung hat zu vielfältigen Umweltbelastungen geführt, die gängige Praxis der "Fleischerzeugung" zu Massentierhaltung, tierquälerischen Transporten und schlechter Qualität der Produkte. Gleichzeitig haben viele kleine Höfe keine wirtschaftliche Perspektive mehr und geben auf. Die Agrarpolitik der vergangenen Jahrzehnte war nicht nur teuer, sondern ein Desaster: Ihre Subventionen für (Über-)Produktion, Lagerung, Exporte und Vernichtung von Überschüssen haben die Entwicklung der Landwirtschaft in eine falsche Richtung gesteuert.

In den letzten Jahren ist das Modell einer nachhaltigen Entwicklung voran gebracht worden. Für die Landwirtschaft bedeutet dies in erster Linie einen schonenden Umgang mit  natürlichen Ressourcen, Erhalt der biologischen Vielfalt, artgerechte Tierhaltung und einen Beitrag zum Klimaschutz. Doch zum Leitbild der Nachhaltigkeit gehören auch Wirtschaftlichkeit und soziale Gerechtigkeit.

Die VERBRAUCHER INITIATIVE fordert, die künftige nationale und europäische Agrarpolitik am Leitbild einer nachhaltigen Landwirtschaft auszurichten. Das bedeutet u.a.:

* Die Entwicklung von Umwelt- und Produktqualitätskriterien im Sinne des Modells der nachhaltigen Entwicklung sowie Zertifizierung von Betrieben auf Basis dieser Kriterien, z.B.:

*Die Reduktion und Umschichtung der Agrarsubventionen: statt Ertragsförderung eine Verknüpfung mit Umwelt- und Produktqualitätskriterien, statt Intensivierung Hilfen zur Extensivierung, keine Subventionen zur Vernichtung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen

* Die Definition der "guten fachlichen Praxis" in der Landwirtschaft im Sinne von Natur- und Umweltschutzanforderungen sowie die Überprüfung ihrer Einhaltung

* Die Präzisierung des mit einem maßvollen Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln verbundenen Konzepts des Integrierten Pflanzenbaus unter Bevorzugung biologischer Pflanzenschutzkonzepte. Die Richtlinien des Integrierten Pflanzenbaus sind als Mindeststandards verbindlich vorzuschreiben; ihre Einhaltung muss staatlich überwacht werden.

* Ein Aktionsplan für die Förderung des Ökologischen Landbaus mit klaren Zielen und Förderkonzepten sowie Ausstattung mit den entsprechenden Mitteln, um die ökologische Anbaufläche sowie den Marktanteil für Bioprodukte bis 2010 auf 20 % zu erhöhen.

* Eine drastische Verringerung von Futtermittelimporten und stattdessen mehr Grünlandfütterung

* Eine Positivliste für Futtermittelzutaten: Inhaltsstoffe dürfen  nur nach umfassender Überprüfung im Hinblick auf Tiergesundheit und Produktqualität zugelassen und müssen voll deklariert werden.

* Ein Strukturprogramm zum Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft in Regionen mit erschwerten Bedingungen, z.B. in den Mittelgebirgen

* Ausgleichszahlungen an die Landwirte für deren Leistungen bei Natur-, Umwelt und Artenschutz
 
 

Lebensmittelverarbeitung und Markt

Die Praktiken bei der Verarbeitung von Lebensmitteln haben Verbraucherinnen und Verbraucher gründlich verunsichert. Wer jahrelang Hirn in Wurst verarbeitet, obwohl es zum Risikomaterial Nr. 1 gehört, und wer Wurst falsch deklariert, muss sich nicht wundern, dass Verbraucher diese Produkte im Regal liegen lassen. Deshalb kommt dem Bereich der Lebensmittelverarbeitung und des Handels eine wichtige Bedeutung bei der Umsetzung der  Agrarwende zu. Dabei müssen die angemessenen Preise, die für sichere und hochwertige Lebensmittel zu zahlen sind, vermittelt werden.

Die VERBRAUCHER INITIATIVE fordert, die Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmitteln dem Leitbild der nachhaltigen Lebensmittelproduktion anzupassen. Das bedeutet u.a.:

* Die Abschaffung des bestehenden Handelsklassensystems und Ersatz durch eine neue Einteilung von Lebensmitteln nach der Art der Erzeugung:

Lebensmittel, die nach geringeren Standards hergestellt wurden, verdienen keine besondere Auslobung.

* Bessere Aufklärung der Verbraucher durch:

* Verstärkte Unterstützung der regionalen Herstellung und Vermarktung von Lebensmitteln durch Einrichtung von Händlermärkten in der Region sowie Erweiterung von Wochenmärkten speziell für Stände von Direktvermarktern

* Die Förderung des Einsatzes von Bioprodukten und regionalen Lebensmitteln in der Gemeinschaftsverpflegung. Vor allem Verpflegungseinrichtungen der öffentlichen Hand (Behörden, Schulen, Kindergärten etc.) müssen bei der Verwendung ökologischer und regionaler Lebensmittel mit gutem Beispiel vorangehen.

* Öffentlichkeits- und Informationsarbeit für Produkte aus Ökolandbau im Rahmen einer staatlich finanzierten Imagekampagne

* Verbraucherinnen und Verbraucher sind aufgefordert, beim Kauf von Lebensmitteln mehr Verantwortung für die eigene Gesundheit und für die Umwelt zu übernehmen, z.B. durch


Lebensmittelsicherheit

Mehr Transparenz, d.h. gesicherte und nachvollziehbare Angaben zur Lebensmittelproduktion, ist die Voraussetzung für mündige Verbraucherinnen und Verbraucher, um Kaufentscheidungen treffen zu können, die ihrer Wertorientierung und ihren individuellen Präferenzen entsprechen. Ohne Offenheit und allgemein zugängliche Informationen über die Qualität der Nahrungsmittel, angefangen von der landwirtschaftlichen Erzeugung über alle Verarbeitungsstufen bis hin zur Vermarktung, wird es kein Vertrauen in die Lebensmittelsicherheit geben.

Die VERBRAUCHER INITIATIVE fordert, Grundlagen für eine höchstmögliche Transparenz in der Lebensmittelproduktion zu schaffen. Das bedeutet u.a.:

* Die Einrichtung eines unabhängigen wissenschaftlichen Institutes für Lebensmittelsicherheit als nationaler Partner der geplanten europäischen Behörde. Dessen Hauptaufgabe muss die wissenschaftliche Risikoanalyse in der Lebensmittelproduktion sein. Sinnvoll ist hier eine Stärkung und Erweiterung des BgVV.

* Den Aufbau von angemessenen Gremien und Strukturen für eine demokratische Beteiligung von Vertretern der Verbraucher- und Umweltverbände, Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie u.a. bei der Risikobewertung und dem Risikomanagement, d.h. der Entscheidung über die zu treffenden Maßnahmen, z.B. Verbote, Warnhinweise, Grenzwerte etc.

* Mehr Transparenz durch verbesserte Risikokommunikation. Als Gegengewicht zu Informationen und Werbebotschaften der Wirtschaft muss die unabhängige Verbraucheraufklärung intensiviert und verbessert werden, z.B. durch:

* Verbesserte Rechtsvorschriften zum Schutz vor Täuschung und Irreführung der Verbraucher (z.B. gesundheitsbezogene Werbung, Functional Food, Ersatzstoffe, Vortäuschen handwerklicher oder vorindustrieller Produktionsweisen bei industriell erzeugten Lebensmitteln)

* Einen erweiterten Rechtsanspruch auf Verbraucherinformation, der das Informationsinteresse der Öffentlichkeit höher bewertet als den Schutz von wirtschaftlichen Interessen. Dieser Informationsanspruch der Verbraucher gilt insbesondere für:

* Eine Verbesserung der Lebensmittelüberwachung, um die dauerhafte Versorgung mit sicheren Lebensmitteln zu garantieren. Dazu zählen u.a.:


Berlin/Bonn, den 2.2.2001
(Beschluss des Bundesvorstands der VERBRAUCHER INITIATIVE e.V.)

Die VERBRAUCHER INITIATIVE  e.V., Elsenstraße 106, 12435 Berlin
Tel: 030/53 60 73-3, Fax: 030/53 60 73-45, www.verbraucher.org


Weitere Informationen
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